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Abi zweiter Klasse

Bei Esma konnte man sehen, dass der Entschluss, als RealschülerIn Abi zu machen, nicht einfach so getroffen wird, sondern stark verunsichern -oder in ihrem Fall: richtig aggro- machen kann. Fachlich fehlt häufig die Gewissheit, dass man dem, was da auf einen zukommt, gewachsen ist. Auf dem Gymnasium wartet aber oft auch noch ein komplett anderes Milieu mit anderen sozialen Regeln und Dynamiken. Die eigene Herkunftsgeschichte haftet einem dabei an, ob man will oder nicht. Die Folgen sind nicht selten große Verunsicherung, gefühlte Angreifbarkeit und vielleicht der Versuch, seine Vergangenheit zu leugnen.


Da zumindest im Süden Deutschlands das klassische Gymnasium in der allgemeinen Wahrnehmung konsequent überhöht wird, entscheiden sich meine SchülerInnen häufig für ein berufsbildendes Gymansium, um diese gefühlte Diskrepanz zu umgehen oder zumindest abzumildern.

Berufsschulen sind eine richtig gute Sache: Sie schaffen es, sehr viele verschiedene Angebote erfolgreich unter ein Dach zu bringen und Jugendliche und Erwachsene mit ganz unterschiedlichen Bildungshintergründen zusammenkommen zu lassen.

Da gibt es zum Beispiel das klischeebesetzte Auffangjahr für Schulabgänger, die aber noch schulpflichtig sind. Unterricht, der ergänzend zu einer praktischen Ausbildung stattfindet. Oder eben die Möglichkeit, (Fach-)Abitur zu machen.

Wer hier sein Abitur macht, hat es allerdings per Definition auf dem „zweiten Bildungsweg“ erlangt. Das führt offensichtlich in der allgemeinen Wahrnehmung zu dem Eindruck, ein „Abitur zweiter Klasse“ zu besitzen. Und genau deswegen zeigt sich in dieser wunderbaren Schulform, dass nicht nur für Bildungsaufsteiger die starre Bindung von Bildungswesen mit soziokulturellem Milieu ein Problem ist.


Als ich noch auf dem Gymnasium unterrichtet habe, hatte ich mal ein Gespräch mit einem meiner Zehntklässler, das mir beispielhaft gezeigt hat, wie hinderlich die ständig mitschwingende Bewertung der unterschiedlichen Schulformen für beide Seiten ist.


Jonas hatte einige schlechte Noten, weil ihn viele Fächer einfach nicht interessierten. Er hatte eine Leidenschaft für alles Technische und Naturwissenschaftliche und hielt sich in den restlichen Fächern aber geradeso auf der Vier. Er konnte ihnen einfach nichts abgewinnen.

Anders als die meisten seiner MitschülerInnen musste er sich bald die Frage stellen: Wie geht es nach der zehnten Klasse weiter? Denn es war klar: Das Abitur würde mit seinen Noten an dieser Schule ein Kampf. Er brauchte es aber, weil er unbedingt Maschinenbau studieren wollte.

Jonas war also relativ lost.

Dann erzählte er mir von der Möglichkeit, sein Abitur auf einer Berufsschule mit technischem Schwerpunkt zu machen. Dort würde nicht so viel Wert auf die sprachlichen und geisteswissenschaftlichen Fächer gelegt, sondern eben auf Naturwissenschaften und Technik. Generell hätte die Schule den Ruf, etwas einfacher zu sein. Das Abitur am Ende sei aber gleichwertig.

Klang für mich nach win win und ich gratulierte ihm zu seiner Idee.

Er zögerte aber. An dieser Schule seien so ganz andere Leute und er wisse nicht, ob er sich da wohl fühlen und Freunde finden könne. Außerdem wäre das vielleicht die „Billigvariante“ von dem Abitur an seiner jetzigen Schule.


Was Jonas da sagte, klingt vielleicht befremdlich. Es ist unfair, so über die Schule und damit über die SchülerInnen dort zu denken. Jonas' Annahme ist aber nur das Symptom eines größeren Problems.


Er hatte das Glück, eine Schule gefunden zu haben, die zu seinen Neigungen und Talenten passte. Er hatte das Glück, eine Schule gefunden zu haben, die ihm vielleicht ermöglichen würde, trotz seiner Schwierigkeiten in vielen Fächern, das Abitur zu machen und später mal gezielt studieren zu können. Aber Jonas konnte sich nicht freuen. Er konnte den Schritt nicht ohne Weiteres gehen. Denn die gefühlte Abwertung, nicht auf der „einen richtigen Schule“ zu sein und nicht das „eine richtige Abitur“ zu machen, fühlte sich an, wie der teure Pullover, der aber kratzt.


Oft beklagen wir uns über das mehrgliedrige deutsche Schulsystem. Schaut man in (Achtung, Überraschung!) skandinavische Länder, findet man eine Art Grundschule, die von der ersten bis zur neunten Klasse geht und auf die einfach alle SchülerInnen kommen. Danach kann man, wenn man möchte, noch drei Jahre Gymnasium anhängen. Alle, die das tun, kommen von der gleichen Schulform. Alle haben (ungefähr) die gleichen Voraussetzungen.


Nun ist es hier anders, das ist vielleicht schade. Aber genau die beruflichen Schulen versuchen, diese Lücke zwischen „kein Abitur“ und „Abitur an elitärem Gymnasium“ zu schließen und Chancen zu geben. Und zwar nicht nur denen, die von unten nach oben wollen, sondern auch denen, die sich oben nur schwer halten können.

Es ist eigentlich der Inbegriff von Chance. Für alle.


Es wäre so viel einfacher, wenn wir endlich aufhören würden, zu ranken und zu bewerten und stattdessen einfach nehmen würden, was wir verdienen:

Bildung auf allen möglichen Wegen.




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