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Die Sache mit den Möglichkeiten

Es gibt unzählige schlechte Klischees über vermeintlich lässige Lehrer:innen an toughen Schulen in roughen Vierteln mit krassen Kids. Kurz bevor ich selbst an einer Brennpunktschule angefangen habe, fragte ich mich also, ob ich meinen Job gut machen würde. Ich wollte nicht so naiv sein und denken, ich könnte die Welt verändern. Ich wusste, dass man nicht jeden retten kann. Ich wusste, dass es nicht damit getan ist, einen Stuhlkreis zu bilden und die richtigen Fragen zu stellen. Aber ich bin davon ausgegangen, das Herz am rechten Fleck zu haben, schlagfertig zu sein, die Kids verstehen zu können, gerecht zu sein. Ich habe über mich selbst gedacht (warum auch immer), dass ich Nerven wie Drahtseile hätte und nichts persönlich nehme. Und irgendwie dachte ich, das müsste reichen. „Man muss ihnen nur Möglichkeiten geben.“ Davon war ich überzeugt und bin es noch immer. Aber das „nur“ habe ich gestrichen. Denn oft ist dieses Möglichkeiten geben schlicht unmöglich.


Ich habe mich nicht nur einmal sehr viel gebend und sehr wenig bekommend erlebt, seitdem ich an der Schule bin. Ich habe mir Dinge überlegt, geplant, Aufgaben verteilt und ging davon aus, dass etwas Großes, etwas Berührendes passieren würde. Und es passierte: Nichts. Sicher, ich komme gut klar und vielleicht geht auch das eine oder andere Mal jemand aus meinem Unterricht und fühlt sich nicht um ein Stück Lebenszeit beschnitten. Aber wirklich etwas verändert, wirklich etwas erreicht, habe ich bisher nicht.

Neulich schien ich einem solchen Erfolgserlebnis sehr nah. Ich habe einen Schüler für ein Stipendium vorgeschlagen. Ein richtig gutes Stipendium, eines, das die entscheidende Weiche in seinem Leben hätte sein können. Ich habe mich informiert, telefoniert, Emails geschrieben. Ich habe mich mit dem Schüler getroffen, Fragebögen beantwortet, Texte geschrieben. Und dann, kurz bevor alles fertig war, schickte er mir eine Nachricht: „Ich will das Stipendium doch nicht“. Aha, dachte ich. Ich werde ihn schon wieder auf die Spur bringen, dachte ich. Ich werde ihn anrufen und ihm seine Angst nehmen. Um es kurz zu machen: Es hat nicht geklappt. Ich habe alles gegeben, aber er wollte einfach nicht mehr. Ich bohrte und befragte, das muss doch einen Grund haben. Ich redete mit Engelszungen und es kam nichts, außer einem müden „Ich hab einfach keine Lust mehr“. Und als ich auflegte, da kribbelte langsam etwas in meinem Brustkorb nach oben, das mich wütend machte. Ich dachte an die Arbeit, die ich reingesteckt hatte, an die Hoffnung, dass es klappen würde. Ich dachte daran, wie er in zwanzig Jahren sagen würde „dieses Stipendium war so wichtig für mich“ und ich war beleidigt. Wie konnte er so etwas abschlagen, es fühlte sich an, wie eine Absage an mich. Was ich da fühlte, schmeckte nach Verbitterung und das ist wohl das toxischste Gefühl, das man in diesem Beruf haben kann. Hier stand ich also mit meiner kleinen einjährigen Karriere und schon war ich desillusioniert? Ich schätze, ja.

„Keine Illusionen machen“, den Spruch hatte ich zu Beginn meiner Arbeit von Kolleg:innen öfter gehört. Und ich verstehe ihn jetzt, denn Illusionen sind hier wirklich fehl am Platz, sie sind sogar schädlich.

Es ist eine Illusion zu glauben, man könne mit ein paar Werkzeugen Leben verändern. Es ist eine Illusion zu glauben, die Kids würden nur darauf warten, aus ihrer gegenwärtigen Realität abgeholt und in eine bessere Welt geführt zu werden. Das ist ein überhebliches Klischee, das sich allein an der eigenen Sichtweise orientiert. Die ganz subjektive Bewertung davon, was als lebenswert gilt.

Es geht aber nicht darum, die Kids auf die eigene Seite zu holen, die Heldin zu sein und ihnen in Erinnerung zu bleiben. Es geht nicht um dich. Es geht darum, sich selbst zurückzunehmen, hinzugucken, Möglichkeiten zu geben und die Entscheidungen der Schüler:innen zu akzeptieren. Weniger pushen, mehr begleiten. Da sein. Nicht beleidigt sein. Ich gebe mein Bestes. Aber ich muss noch viel lernen, bevor ich die lässige Hauptrolle in einem schlechten Brennpunktschulenfilm spielen kann.

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