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Am Wochenende habe ich in alten Kinderbüchern geblättert, unter anderem in Astrid Lindgrens Michel aus Lönneberga. Die Geschichte und die Zeichnungen sind fast sechzig Jahre alt und dementsprechend haben sich einige Dinge geändert.

Auf jeder Seite liegt ein Schleier der Nostalgie, außer auf einer. Hier ist Michel in einem Klassenzimmer zu sehen. Er steht an der Tafel, hält ein Stück Kreide in der Hand und malt Zahlen auf die dunkelgrüne Schieferplatte.

Ich schaute mir das Bild lange an und plötzlich wurde mir klar, warum es mich so festhielt. Nichts an diesem Bild hat sich geändert. Auch heute, 60 Jahre später, stehe ich vormittags ernsthaft mit einem Stück Kreide in der Hand vor einer Schiefertafel und sorge für regelmäßige, kreidequietschbedingte Gänsehautmomente bei meinen Schüler:innen. Die Armen müssen ernsthaft nach jedem verschmierten Tafelbild, das ich auf dieser Platte kreiere, einen kalt-feuchten Schwamm aus der Hölle in die Hand nehmen, ihn in noch kälterem Wasser tränken, die milchige Kreidebrühe über ihre Hände laufen lassen, um dann tropfend die Tafel zu putzen. Nur damit ich ein neues, schräges Bild erstellen kann, was sich auf den getrockneten weißen Schlieren noch schlechter erkennen lässt, als das erste.

Sicher, es gibt weitaus schlimmere Schicksale für Schüler:innen, als eine Woche lang im Tafeldienst eingeteilt zu sein (zum Beispiel als junger Lehrer qua Geburtsjahr und Geschlecht als Papierstau-Experte abgeordnet zu sein und sich täglich seine Hose nicht nur mit Kreide, sondern auch noch mit schwarzer Druckertinte zu beschmieren).

Aber wie geht das eigentlich zusammen, dass in den Ort, wo unsere zukünftige Gesellschaft darauf vorbereitet werden soll, die Welt zu einer besseren zu machen, seit Jahrzehnten nur gerade so viel Geld reinfließt, dass das kaputte Fenster repariert und das verklebte Schlüsselloch ausgetauscht werden kann? Dass wir als Lehrer:innen Unterricht auf dem Ipad planen, um ihn danach an dem einzigen laufenden Drucker der Schule auf eine Folie zu übertragen, diese auf einen uralten Overheadprojektor zu legen, an dem ein Lämpchen nicht mehr funktioniert und der ein so lautes Gebläse hat, dass die Hälfte der Klasse nichts mehr versteht? Wie geht es zusammen, dass Schule und Bildung die Top-Themen jeder gesellschaftspolitischen Diskussion sind, aber scheinbar niemand auf die Idee kommt, mal wirklich Geld für eine vernünftige Ausstattung locker zu machen, für neue Strukturen, für Workshops. Für mich fühlt sich das an, wie ein Hingucken ohne hinzugucken. Alle schauen auf Schule, aber niemand sieht, wie es wirklich ist und vor allem: wie es sein könnte.

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