Stein im Schuh

Aktualisiert: 19. Sept.

Ich saß letzte Woche in einem Klassenzimmer, das nicht mein eigenes war. Dieses Klassenzimmer war mir einerseits fremd, aber andererseits auch seltsam vertraut. Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich vor 25 Jahren in einem ähnlichen Zimmer eingeschult wurde und bis vor kurzem in einem vergleichbaren Zimmer unterrichtet habe. In diesem Klassenzimmer saß ich auf einem sehr kleinen Stuhl und habe einer freundlichen Lehrerin zugehört. Sie hat viel erklärt, weil es viel zu erklären gab. Sie hat viele Materialien verteilt, weil es viel zu verteilen gab. Sie hat Geld eingesammelt, weil es einiges zu bezahlen gab.

Ich saß in diesem Klassenzimmer, weil mein Kind zum Schulkind geworden ist. Ich sah die vielen Zettel. Ich hörte die vielen Uhrzeiten und Termine. Ich zog das Geld aus meiner Tasche. Ich schrieb mit, weil ich nichts verpassen wollte. Schließlich ging es hier um nichts Geringeres als um mein Kind. Ich war aufgeregt. Ich saß in diesem Zimmer weich gepolstert auf all meinen Privilegien.


Auf dem Weg nach Hause war alles okay. Es war doch alles gut. Ich hatte doch alles dabei, alles verstanden, alles bezahlt. Mein Kind hat alles, was es braucht. Es wird bekommen, was nötig ist.

Aber ich hatte diesen Stein im Schuh. Er drückte, er tat echt weh. Mein Kind wird bekommen, was nötig ist.

Denn mein Kind ist in eine sehr kleine, bequeme Welt geboren worden. Ich gönne es ihm – ist klar, ist ja schließlich mein Kind.


Aber der Stein, der ist seit dem im Schuh und will nicht raus.


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