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Essen in meiner Klasse

Aktualisiert: März 11

Eine der offensichtlichsten Formen von Klassismus ist das Urteilen über eine gute oder schlechte Ernährung. Ich gebe zu, ich kann es nicht lassen. Wenn ich im Supermarkt am Kassenband stehe, muss ich mir ansehen, was die Personen um mich herum auflegen. Ich fühle mich gut, wenn mein Einkauf aus Obst, Gemüse und Dinkelmehl besteht. Andererseits habe ich das Gefühl eines Seelenstriptease, wenn ich diejenige mit dem Bier, den unzähligen TK-Pizzen und der abgepackten Salami bin. Dann meine ich die Blicke der anderen auf mir und dem Fließband zu spüren und wünsche mich aus dem Laden heraus.


Die Schule, an der ich arbeite, kennt solche Probleme nicht. Da wimmelt es nur so von Trinktüten, Discounter-Chips, Backshop-Donuts und klar: Energydrinks.

Die Einzige in meiner Klasse, die darin ein Problem sieht, bin ich.

Aber was ist es denn, das mich beim Thema Essen so nervös macht?


Violeta aus der 8. hat mich drauf gebracht.

Sie nennt sich selbst den „Kiosk“ der Klasse und verteilt unaufhaltsam Käsestangen, Kaugummis, Monster-Dosen, saure Schlangen, Fake-Buenos. Trotzdem klagt Violeta ständig über Hunger. Sie könnte die Sachen auch selber essen, statt sie zu verteilen, aber sie besitzt halt eine Ehre, was willst du machen?!

Bei Violeta dreht sich also ziemlich viel um das Thema Essen und am Ende des Schultages hört man in regelmäßigen Abständen aus der letzten Reihe: „Eowa, ich kann nicht mehr, ich muss essen!“ Dazu zieht sie ihre riesige Fellkapuze über den Kopf und krümmt sich mit verschränkten Armen zusammen. So elendig wie sie da sitzt, bekomme ich meistens Mitleid. „Violeta, gibt’s denn gleich was zu essen, wenn du nach Hause kommst?“ frage ich sie.

„Nein, nein, nix da, ich gönn‘ mir Mäcces!“

Ein Klangteppich aus „geil“, „oha“ und „isso“ füllt den Raum.

In mir regt sich ein Abgrenzungsimpuls, der in Form von einer Mäccesverurteilung raus möchte.


Aber wie glücklich war ich damals, mit 16, als ich den Job safe hatte? Wie cool fand ich es, dass ich in meiner Mittagspause ein Sparmenü bekommen habe? Dass ich hinter der Kasse über den Boden rutschen konnte, weil das Fett die Turnschuhsohlen in Schlittschuhe verwandelt hat? Dass ich ins Headset „bitte einmal vor zum ersten Fenster“ sagen konnte und einfach wusste, was abgeht, hinter den Kulissen?! Dass ich für 5,50€ pro Stunde, die 12-21 Schicht übernahm und noch nach Hause konnte, bevor die Besoffenen kamen?


Die Scham über meine Mäcces-Karriere stellte sich erst an der Uni ein. Da begriff ich, dass Mäcces zwar ein Ort ist, wo du hingehst, aber einer, wo du mindestens acht Mal betonst, wie selten du eigentlich dort bist. Wie edgy du heute bist. Wie egal dir ausnahmsweise alles ist. Eine überheblich-ironische Verkleidung als Teilzeitprolet, die man jederzeit wieder ablegen kann. Meine SchülerInnen haben nicht die Möglichkeit, die Ironie dahinter zu erkennen.

Ich will, dass wir uns einfach gönnen, so wie Violeta. Ohne zu urteilen. Ohne uns abzugrenzen von „denen“. Ich will keinen Klassismus in meinem Essen.



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