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Probleme einer entfernten Bekannten

Gerade ist ja Pandemie und deswegen sind meine Klasse und ich nur virtuell in Kontakt. Das ist kein Problem. Zimmertür zu, Highspeed WLAN am Start, Headset rein, los geht’s.

Meine AchtklässlerInnen sitzen gekämmt und gespannt vor ihren Macbooks und gemeinsam diskutieren wir über das verwirrende Metrum in Ein Jüngling liebt ein Mädchen von Heinrich Heine. Ahmad schaltet sein Mikro ein und lacht auf: „Meine Eltern und ich haben uns gestern Abend den Kopf darüber zerbrochen, ob das nun Trochäus oder Anapäst ist und wir konnten es nicht lösen, egal wie oft wir es uns gegenseitig vorgelesen haben!“ Der Rest der Klasse (alle anwesend, keiner schläft) nickt beipflichtend. Gemeinsam lesen wir jetzt das Gedicht im Chor, bis uns allen klar wird, dass unser schelmiges Deutschbuch hier ein Wort reingemogelt und damit das Metrum durcheinandergewirbelt hat. Wir lachen über diesen gewitzten Twist. Dann notieren sich alle die nächsten Aufgaben und winken einander zu. „Macht‘s gut, bis morgen!“ rufe ich und lege auf.

Zeit für eine kleine Pause. Meine beiden Kleinkinder spielen in ihrem Zimmer Autoquartett und ich gönne mir ein bisschen Ruhe. Füße hoch, Kaffee raus, ein Magazin. Das Telefon klingelt; es ist eine Bekannte, die ebenfalls Lehrerin ist. Ich habe keine Lust mit ihr zu telefonieren, sie ist immer so negativ, aber meine Güte, was soll‘s, ich gehe ran.

Das Gezeter geht gleich los. Ihr Fernunterricht scheint nicht so zu laufen, wie sie sich das wünscht.

Es scheitere bei ihr schon an der Ausstattung der SchülerInnen. Sie hätten teilweise keinen Computer, kein WLAN. Ich frage mich, in welchem Loch sie unterrichtet.

Sie erzählt weiter. „Kein eigenes Zimmer. Geschwisterkinder, teilweise Babys, die im Hintergrund so laut sind, dass Telefonieren zur Unmöglichkeit wird.“

Sie erzählt, dass die Eltern - das muss man sich mal vorstellen - die Arbeitsaufträge nicht verstünden. Sie könnten nicht helfen.

„Ganze Familien leiden unter dem Druck der Fünftklässlerin, die nicht mithalten kann. Die jeden Tag weint, weil sie wieder nicht versteht, was zu tun ist.“

Das Gejammer der Bekannten fängt an mich zu langweilen. Im Hintergrund schreit ihr Einjähriges schrill. Mein Gott, warum bin ich drangegangen? Jetzt klingelt bei mir auch noch der Paketdienst. Manchmal kommt einfach alles zusammen, denke ich.

Ich schalte mein Telefon auf Lautsprecher und lege es auf den Wohnzimmertisch. Die Freundin faselt irgendwas von Realität und Vergessen, ich kann ihr nicht mehr folgen.

„Hör zu“, sage ich und nehme das Telefon in die Hand. „Besondere Situationen erfordern besondere Maßnahmen. Sag das den Eltern deiner Schüler! Und sag ihnen, dass wir im 21. Jahrhundert leben. ‚Kein Internet‘ haben ist einfach keine Option, also bitte. Ich muss los, ich habe jetzt eine Sitzung zu Platons Höhlengleichnis mit meinen Neunern. Sie warten schon auf mich.“

Dann legen wir auf und ich gehe zurück in mein Arbeitszimmer. Die Kinder haben sich mittlerweile den Basteltisch aufgebaut und schneiden Osterhäschen aus.

Zimmertür zu, Highspeed WLAN am Start, Headset rein, los geht’s. Fernunterricht halt.

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