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  • Meine Klasse

tamam, tamam

Auf dem Schulflur und dem Pausenhof begrüßen die SchülerInnen mich häufig mit „selamın aleyküm, Frau G.“ , worauf ich grundsätzlich „aleyküm selam“ antworte, um dann warmherzig ausgelacht zu werden.

Ansonsten verstehe ich meistens nur Wortfetzen von den Gesprächen, die sie untereinander führen und I couldn’t care less. Die Schule ist außerhalb der Unterrichtsräume ein Ort, wo die Kids mit ihren Freunden sein sollen. Und das bedeutet, dass sie auf dem Flur und dem Schulhof in der Sprache miteinander sprechen, in der sie möchten.


Im Unterricht sieht das anders aus. Sobald wir uns begrüßt haben, gilt die Regel, dass wir ausschließlich Deutsch sprechen. Manche Leute in meinem Umfeld, die sich mit Schule nur in der Theorie beschäftigen, stoßen sich aber daran. Für sie klingt die Regel konservativ, verstaubt und vielleicht sogar diskriminierend.

Sie argumentieren mit dem Recht der SchülerInnen, ihre kulturelle Identität auch über ihre Sprache auszuleben.


Die Schule, an der ich arbeite, und viele andere vergleichbare Schulen, bieten genau aus diesem Grund herkunftssprachlichen Unterricht an. Dort sollen die SchülerInnen die Möglichkeit haben, ihre Muttersprache als Teil ihrer kulturellen Identität auch an der deutschen Schule nicht nur auszuleben, sondern sie auch zu fördern. Zugegeben: Oft kann der herkunftssprachliche Unterricht nicht stattfinden, weil in Deutschland schlicht nicht genug Geld in Bildung gesteckt wird und kein Personal vorhanden ist. Das ist ein anderes Thema, über das ich noch schreiben werde. Spoiler: It’s a sad one.


Zurück zum Unterricht. Ab und an höre ich auch, dass es doch normal sei, „dass den Kids mal ein türkisches Wort im Unterricht entwischt“. Dazu kann ich nur sagen: Ja. Natürlich ist das normal. Alles gut. Ich glaube, es gibt keine Lehrperson, sofern sie nicht komplett falsch in ihrem Beruf ist, die deswegen unter die Decke geht. Das „mal ein Wort rausrutscht“ ist allerdings im Alltag die Ausnahme. Die Regel ist, dass SchülerInnen sich über Bänke hinweg in ihrer Herkunftssprache beleidigen, dass über andere Personen, die ebenfalls im Raum sind, gelästert wird, oder Pläne geschmiedet werden, die besser nicht geschmiedet werden sollten. Dass sie das tun, hat natürlich nichts mit der Herkunft oder dem kulturellen Hintergrund der SchülerInnen zu tun, sondern einfach mit der Tatsache, dass sie Teenies sind.


Als Lehrkraft will man aber die Klasse als Gemeinschaft stärken. Sie sollen sich im Wortsinn verstehen und wenn es Beef gibt, dann sollen sie ihn auf Augenhöhe ausdiskutieren können. Das kann schwierig sein, klar. Wenn wir diese Schwierigkeit, zur Not mit Händen und Füßen oder mit unbeteiligten DolmetscherInnen, überwinden, gibt uns das ein gutes Gefühl.

Meine SchülerInnen haben übrigens gar kein Problem mit der Regel. Wenn ich sie freundlich darum bitte, Deutsch zu sprechen, dann antworten sie „tamam, tamam.“ Und dann verstehen wir uns wieder.

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