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  • Meine Klasse

Wer kann, der kann.


Ich stelle meiner 7. Klasse des Hauptschulzweigs eine einfache Aufgabe: Drei Dinge aufschreiben, die die SchülerInnen besonders gut können. Das Ganze dient eigentlich nur als Einstieg für eine Grammatikeinheit, in fünf Minuten sollte ich damit durch sein. Denke ich jedenfalls.

Zehn Sekunden nach Aufgabenstellung kommen die ersten unaufgeforderten Rückmeldungen aus der Klasse.


„Klatschen“, „schlafen“, „Bong bauen“.

Ich schreibe die Aufgabe zur Sicherheit nochmal an die Tafel.

„Also – jetzt aber wirklich: Los geht’s“.


Nur wenige Sekunden später:

„Mir fällt nichts ein.“ „Mir auch nicht“. „Ich weiß nicht, was ich schreiben soll.“


Ich erkläre: „Ok, das muss nichts Großartiges sein. Das kann sein: ‚ich kann gut lesen‘, oder ‚ich kann gut tanzen‘ oder, oder, oder. Was ihr halt so macht.“


Jetzt wird es still. Jede/r scheint mit der Aufgabe beschäftigt. Ich sehe ernste Gesichter und ahne schon, dass das hier doch etwas länger dauern könnte.

Ich gehe durch die Reihen. Leere Blätter, hängende Köpfe. Darüber ein Schweigen, das bedrückt.


Bei Viktor lese ich etwas. Ich kann gut Fußball spielen. „Ja!“ rufe ich, „genau so was! Schaut mal, Viktor schreibt, er kann gut Fußball spielen. DAS meine ich. Einfach, was ihr gerne macht. Das macht ihr dann auch gut!“


„Ich mach aber nichts!“, höre ich. Ein Raunen. „Rumhängen, oder was?“


Wer in seiner Jugend vor allem lernt, in welchen Supermärkten es beim Deo-Sprühen Hausverbot gibt und wie man eine Zigarette flickt, der merkt irgendwann, dass die Welt der vorzeigbaren Freizeitaktivitäten nicht die eigene ist. Es kann schmerzhaft sein, plötzlich die vielen verschenkten Gelegenheiten und verkackten Möglichkeiten zu erkennen. Was hat es gebracht, ganze Nachmittage rauchend an den Tischtennisplatten abzuhängen, während andere ein Instrument lernten oder Ballett tanzten? Kein Wunder, dass ich nichts kann. Es folgen Scham, Angst und Unsicherheit. Die Hemmschwelle, doch noch etwas aus sich heraus zu entwickeln, wird immer höher und irgendwann schließt sich die Tür tatsächlich.


Nach der beliebten bildungsbürgerlichen Erzählung „Jeder hat hier doch die gleichen Möglichkeiten“ wäre man daran dann tatsächlich selbst schuld. Aber es ist fatal, wenn solche Gefühle entstehen. Denn Hobbys entwickeln sich doch meistens nicht ausschließlich aus dem eigenen Interesse. Die wenigsten Fünfjährigen stehen freiwillig von der Couch auf und wenden sich mit dem Wunsch, ein Instrument spielen zu wollen, an ihre Eltern. Es braucht Vorbilder, Anstöße, offene Türen. Es braucht den Zugang zu Medien, zur Natur, zu Mitteln. Kulturelle Teilhabe eben. Es braucht Raum zum Scheitern und Versagen und Wiederaufnehmen.


Ich ändere meine Aufgabenstellung schließlich. Jetzt stelle ich den SchülerInnen Fragen, und sie antworten:


„Du kannst deinen Freundinnen sehr gut zuhören, stimmts?“. „Ja!“

„Du kannst dir witzige TikTok Choreographien ausdenken, stimmts?“ „Voll!“

„Du kannst beim Zocken alles um dich herum vergessen, oder?“ „Auf jeden!“


Talente hat jeder. Erkennen müssen sie aber meistens die anderen.

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